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| Pressespiegel zum SSI-Projekt: Online-Publikationen | |||||||
| 13. September 2000 | |||||||
| Telepolis | |||||||
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Aufmerksamkeit für die angebliche Internetsucht Am Montag hatten Münchner Psychiater die Auswertung einer Online-Befragung zur Internetsucht vorgestellt für die Medien offenbar eine gute Nachricht |
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Das war ein Fressen für die Medien. Endlich mal wieder ein Bericht über die dunkle Seite des neuen Mediums, das so explosiv gewachsen ist und nahezu als Allheilmittel für alle Standort-, Arbeits- und Ausbildungsprobleme gilt. Münchner Psychiater haben eine Studie über Internetsucht vorgelegt - und angeblich belegt, dass es sie wirklich gibt. Der Spiegel schreibt: "Für immer mehr Menschen wird das Surfen im Internet zur Sucht." Die Süddeutsche kleckert auch nicht und titelt auf Seite 1: "Surfen als neue Sucht", während gleich noch ein Artikel die Wahrheit ausbreiten darf, dass die "Abhängigkeit mehr als ein Witz, mehr als ein Medienprodukt" ist. ZDF.MSNBC.de macht überhaupt kurzen Prozess: "4,3 Prozent der Surfer sind süchtig." Genau diesen Eindruck, dass Internetsucht - für Leute, die gebildet mitsprechen wollen: Internet-Abhängigkeits-Syndrom (IAS) oder, auf gut Englisch, Internet Addiction Disorder (IAD), wer will auch: Pathological Internet Use (PIU) - wesentlich ein Medienprodukt ist, gewinnt man allerdings schnell, wenn die Journalisten gerne den Experten die Wahrheit noch ein wenig stärker von den Lippen lesen und insgesamt wenig auf die Fallen der Geschichte achten, in der seit je neuen Medien gerne die schlimmsten Dinge zugeschrieben wurden, bis die Gewöhnung eintrat - und neue Techniken drohten. ein wenig Distanz zu den Experten ist auch schon deswegen geboten, weil diese ebenso wie die Medien vom Diktat der Aufmerksamkeitsökonomie geplagt werden und auffallen müssen, um Punkte zu sammeln, also wissenschaftliche Prominenz zu erwerben. Und Neuheiten lassen sich, das ist altbekannt, stets am besten als Aufmerksamkeitsinszenierungen für die hungrigen Medien verkaufen. Im Gegensatz zu vielen Journalisten spekulieren zwar die Betreiber der "Münchner Ambulanz für Internet-Abhängige" - man hat sich mit der "Münchener Ambulanz für Börsen-Abhängige" auch schon gleich ein anderes Terrain abgesteckt - auf die mediale Aufmerksamkeit ihres Berichts über eine Online-Befragung zu eben diesem Thema, sind jedoch so ehrlich zu sagen, dass es sich bestenfalls um eine sekundäre Abhängigkeit handle, wenn die Menschen zu exzessiv am Internet hängen - zumindest irgendwie. Denn gleichzeitig will etwa Oliver Seemann auch ungern auf die Diagnose der Internet-Abhängigkeit verzichten, weil man sonst wahrscheinlich nur Menschen mit psychischen Störungen oder Leiden gegenüber hätte, die auch ansonsten aus Leidensdruck zu Psychologen und Psychiatern gehen oder gebracht werden. Bei den Internetabhängigen stellten die Psychiater oft auch andere Suchtprobleme wie Alkohol- oder, ja, das auch, Computerabhängigkeit fest - die stammt noch aus den Zeiten, in denen die Süchtigen noch isoliert vor ihrem Bildschirm saßen. "Menschen mit einer großen Selbstunsicherheit" seien besonders gefährdet, meist hätten sie sowieso zwischenmenschliche Probleme und oft ein "wenig erfülltes Sex- und Liebesleben". Ja, da ist halt dann ein Flirt im Internet oder sonst ein Auftritt, der für soziale Aufmerksamkeit und Selbstachtung sorgt, besser als nichts. Ganz unabhängig davon, dass die Studie, selbst wenn 1000 Antworten ausgewertet wurden, keineswegs repräsentativ ist, sondern sich womöglich nur eine auskunftswillige und möglicherweise schon verunsicherte Schicht von Surfern der Mühe unterziehen wollte, 49 Fragen zu beantworten, habe sich nur bei 4,6 Prozent oder 46 Personen eine Abhängigkeit feststellen lassen. Bei 10 Millionen Internetnutzern wären das immer schon 460000 Tausend, und wenn es gegenwärtig 14,8 Millionen Deutsche gibt, die auch von Zuhause auf das Internet zugreifen, dann hätten die Experten bald alle Hände voll zu tun, um die Abhängigkeit zu behandeln. Allerdings ist Ulrich Hegerl, einem der beiden Autoren, aber eigentlich schon diese Zahl zu hoch gegriffen. "Die Online-Datenerhebung ist insbesondere aus zwei Gründen als problematisch anzusehen: Die Grundgesamtheit der Internet-Nutzer ist eine unbekannte Größe. Das zweite Hauptproblem bei den meisten Online-Umfragen ist die Selbstselektion der Teilnehmer, die zu Verzerrungen führt." Manche der neuen Experten, die sich selbst inthronisiert haben - allen voran die Psychologin Kimberly Young, die ein, natürlich mit einer .com-Domain ausgestattetes Zentrum für Onlinesucht eingerichtet hat, das Buch "Caught in the Net" geschrieben hat, immer wieder einmal Neues über die wachsende Gefahr der Internetabhängigkeit zu berichten weiß und sich verstärkt um die Cyberwitwen kümmert - , greifen denn auch schon mal in die volleren Zahlen, die natürlich auch eindrucksvoller sind. So machte etwa die Behauptung von David Greenfield, eines amerikanischen Psychologen, der nicht nur das Buch "Virtual Addiction: Help For Netheads, Cyberfreaks and Those Who Love Them" geschrieben hat, sondern auch Behandlungen anbietet, die Runde in den Medien, dass weltweit angeblich über 11 Millionen Menschen bereits süchtig nach dem Internet sei, was etwa einem Zwanzigstel aller Internetnutzer entsprechen würde. Wieder allerdings war die Erhebung, die den geschäftstüchtigen Psychologen zu dem Ergebnis kommen ließ, nicht recht aussagekräftig. Der Fragebogen, bei dem man beantworten sollte, ob man beispielsweise das Internet benutzt, um Problemen aus dem Weg zu gehen, des öfteren an das Internet denkt oder einen Freund durch exzessive Internetsitzungen verloren habe, konnte jeder ausfüllen, der die Website von ABC besuchte. An die 17000 Menschen beteiligten sich, knapp 1000 beantworteten fünf der elf Fragen mit Ja - und waren so süchtig. Überdies warnt der Psychologe davor, dass die sich mehrenden Onlineflirts und Internetaffären gefährlich für die Beziehungen im wirklichen Leben seien und gibt Ratschläge, wie man die Ehe vor der "virtuellen Zerstörung" retten könne. Eine kürzlich ausgewertete Online-Befragung von Berliner Psychologen, die immerhin 9000 Fragebögen ausgewertet haben und so schlau waren, sich gleich die geeignete Domäne zur Aufmerksamkeitsgewinnung mit www.internetsucht.de zu sichern, aber offenbar nicht schlau genug waren, für sich ein mit der Münchner Studie vergleichbares Medienecho zu organisieren, kam auf 3,1 Prozent Süchtige (www.onlinesucht.de hat sich schon eine "Selbsthilfegruppe" gesichert, die offenbar auch ins Geschäft kommen will). Bei den unter 18-Jährigen steigt aber die Zahl hier auf sechs bei Mädchen und auf über acht bei Jungen an. Da kann man freilich nur still bei sich denken, dass vielleicht manche, den Psychologen zuliebe, übertrieben haben oder einfach mal eine Zeitlang von dem Neuem fasziniert sind, bis eine gewisse Sättigung eintritt. Das freilich könnte bei Älteren auch der Fall sein und wäre so ungewöhnlich nicht. "Ebenfalls
stärker betroffen sind Menschen aus niedrigeren sozialen Statusgruppen
im Vergleich zu Menschen aus höheren sozialen Statusgruppen. Die "Internetsucht"
ist zudem häufiger zu finden bei Personen ohne festen Lebenspartner als
bei solchen mit festem Lebenspartner. Schließlich zeigten Arbeitslose
ein problematischeres Internetverhalten als Beschäftigte. Die betroffenen
Personen nutzen insgesamt häufiger Chat- und Kommunikationssysteme, spielen
häufiger über das Netz und beschäftigen sich stärker mit Downloads (fast
ausschließlich Musik) als die nicht betroffenen Personen." Süchte oder Abhängigkeiten lassen sich relativ leicht konstruieren, und so sind die Kategorien, mit denen die neuen Suchtforscher dem Übel erkennungsdienstlich auf den Leib rücken, auch erst einmal eher als Scherz oder Hoax entstanden, wie dies in der Internetwelt gerne vorkommt, um die Menschen in die Irre zu führen. 1995 hatte der Psychiater Ivan Goldberg eine Liste der Kriterien für pathologisches Spielverhalten genommen, daraus den heute allgemein in Umlauf befindlichen Kriterienkatalog für Symptome der Internetsucht erstellt und gefordert, die neue Krankheit in das Handbuch für psychische Störungen aufzunehmen. Gemeint als Gag, um die Sucht der Experten lächerlich zu machen, möglichst alle Verhaltensweisen schnell zu pathologisieren, zirkuliert seitdem die Internetsucht bei manchen Experten, die sich gerne mit einer neuen Krankheit und deren Therapie profilieren wollen, womit allerdings nicht weggeredet werden soll, dass Menschen, die allzulange im Internet sind, nicht Probleme kriegen oder dies nicht aufgrund von solchen machen. Der Internetsucht - oder ist es die Sucht zu surfen? - ist verfallen, wer mehrmals täglich nachschaut, ob er Emails empfangen hat, endlos lange chattet, soziale Beziehungen in der Nahumgebung vor lauter Surfen und Chatten vernachlässigt, mit der Arbeit Probleme bekommt, sich hinter dem Computer abschottet, die Nutzung nicht mehr kontrollieren kann oder immer unzufriedener nach Internetsitzungen wird, weswegen eine erneute Auffrischung der Droge Internet und zwanghafte Suche nach stärkeren Erlebnissen notwendig wird. Da kann natürlich vieles vom Joggen über die Arbeit bis zum Sex und auch zum Finden der Aufmerksamkeit schnell in die Sucht und in die Hände von Experten führen, die permanent suchen, wo etwas Neues entdeckt werden könnte, um sich damit einen Namen zu machen und ein Pionier im Neuland zu werden, was ja immer schwieriger in der Masse der Konkurrenten wird. Früher war das auch unter Akademikern etwas leichter ... Wer die Kriterien der Münchner Studie sich anschauen will, möge biete hier selbst nachschauen, denn Telepolis will nicht riskieren, einer Urheberrechtsverletzung bezichtigt zu werden, wenn ich sie hier "raubkopiere". Schließlich kann man auf der Seite mit der Auswertung des Berichts lesen: "Die Definitions-Kriterien für Internet-Abhängigkeit unterliegen dem Copyright des Autors Dr. O. Seemann." Wenn die Wissenschaftler dann auch noch einen etwas originelleren Namen als Internet-Abhängigkeit finden würden, könnten sie diesen auch als Marke schützen - und wären dann noch ein Stück weiter im wissenschaftlichen Forschritt gegangen. Heute mag es ja noch chic sein, von einer möglichen Internetsucht zu sprechen, während man von der Lesesucht, sowieso eine aussterbende, wenn auch einst ebenfalls bedrohlich Kulturtechnik, oder Fernsehsucht nicht mehr so gerne spricht. Die Handysucht wartet womöglich noch auf uns, auch die Computerspielsucht hat ihre Blütezeit schon überschritten, auch wenn das allmählich erst durchstartende Glücksspiel im Internet erst einmal eine Welle von neuen Süchtlingen generieren wird. Die Pioniere der Mediensuchttheoretiker sind allerdings schon weiter als bis zur ziemlich unausdifferenzierten Internetsucht gegangen. Schließlich ist das Internet eine Medienplattform, auf der äußerst Unterschiedliches gemacht werden kann. Gerade verklungen ist die Cybersexsucht, die gefährlich wie Heroin sei, im Kommen möglicherweise die Sucht, an der wirklichen Börse im Internet zu spielen. Dann gibt es sicherlich noch die Chatsucht, die ja auch Thema der Münchner Internetsuchtheoretiker ist. Und wie steht es mit den News, die jetzt unterbrechungslos auf uns einprasseln? Wehe, da findet einmal eine Pause wie jüngst beim Brand im Fernsehturm für die Moskauer Bürger statt, die sich plötzlich von der medialen Nabelschnur abgehängt sahen und, sofern sie es sich leisten konnten und die Geräte verfügbar waren, zum Satellitenfernsehen oder auch zum Internet übergewechselt sind. Ein auffälliger Zeitgenosse ist natürlich auch einer derjenigen Kommunikationssüchtigen, die permanent in allen möglichen Diskussionsforen und News-Groups zu finden sind. Insgeheim mag mancher auch nur Emailsüchtig sein, und schon verzweifeln, wenn nach 10 Minuten immer noch keine neue Mail angekommen ist, nachdem man ja schon einige losgeschickt hatte. Noch ist es ja mit dem vielgepriesenen ECommerce noch nicht ganz so, wie vielfach prophezeit, aber wenn wir uns wie gewünscht Tag und Nacht im virtuellen Kaufhaus und Themenpark tummeln und unser Geld ausgeben sollten, wird sicher der eine oder andere auch süchtig, wo er das günstigste Schnäppchen finden kann, also die eBay-Sucht? Ja, und dann gibt es da auch noch die Hacker und Cracker, die überall nächtelang umherirren, um eine nicht fest verschlossene Tür zu finden ... Die Münchner Wissenschaftler haben, schon aus Zwang, nicht ihre Reputation zu verlieren, betont, dass die von konstatierte Internetabhängigkeit eigentlich gar keine solche ist, sondern nur Symptom anderer oder tiefer liegender Probleme, die sich sonst anderweitig ein Ventil gesucht hätten ("Ob Internet-Abhängigkeit als eigenständige Diagnose zu werten ist, was sehr unwahrscheinlich ist, kann aus den vorliegenden Daten nicht beurteilt werden"). Beide Psychiater sind aber irgendwie auch von der Philosophie, beispielsweise von Nietzsche, Sloterdijk und Henrich angetan, weswegen sie auf ihrer Seite www.psychotherapeuten.org/ oder www.psychiater.org/, die offiziell "Münchner Gesundheitsnetz "heißt, auch Texte von diesen neben den Informationen ihrer Ambulanz oder Mailinglisten für Therapeuten oder über Thomas Mann anbieten. Hegerl spricht daher davon, dass das Internet irgendwie auch eine "transzendentale Erfahrung" eröffne und deswegen einen Sog ausübe. Zur "therapeutischen Haltung" formuliert Oliver Seemann, der Therapie gerne als Kunst gesehen haben möchte: "Gelassenheit erlangt das Subjekt, das weiß wie es ist, sich am Unmöglichen abgearbeitet zu haben. Die Therapie ist dann vorbei, wenn der Patient oft genug gescheitert ist, genug getrauert hat, bis er sich möglichst gelassen subjektiv empfundene Quellen der Befriedigung und Sicherheit verschaffen und im akzeptierten Kampf mit der Entropie möglichst lange aufrechterhalten kann. Der antike Begriff der ´humanitas´, der Mitmenschlichkeit zeigt sich darin, dass solch ein Mensch Spaß versteht und auch macht, weil er sich einer tieferen Solidarität mit seinem Gegenüber gewiß ist." Ach ja, und ganz unten auf der Seite findet der Surfer, der sich über seine mögliche Sucht informieren will, ein Glücksspiel - oder soll nur da schon entlarvt werden, wer später einmal Opfer oder Patient der Ambulanz für Börsen-Abhängige oder Glücksspieler werden wird? Wer errät, wieviele Menschen das Münchner Gesundheitsnetz jeden Monat besuchen, erhält DM 100.-, jeden Monat neu. Im August 2000, verrät Seemann, waren es 4473 Besucher. Die ausführliche Statistik für die Monate Juli und August dürfen auch alle einsehen. Spricht das etwa nicht für die Aufmerksamkeitsthese? |
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© 2001 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Humboldt-Universität zu Berlin |
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