Stress und Sucht im Internet
Ein Projekt am PSILab der Humboldt-Universität zu Berlin
* Pressespiegel zum SSI-Projekt: Tageszeitungen
14. Juni 2000
Tagespiegel

Das Internet als Mutterersatz

Zwei Forscher rücken jetzt dem Phänomen zu Leibe - Erste Zahlen aus Deutschland

 

Ingrid Patzwahl

Bayern gegen Preußen, Psychiatrie contra Psychologie: Zwei Forscher - der eine aus München, der andere aus Berlin - wollen das Phänomen Internet-Sucht jetzt wissenschaftlich angehen. Der eine beobachtet, der andere mißt. Mit durchaus unterschiedlichen Methoden wollen beide jedoch das gleiche klären: Gibt es die derzeit massenhaft in den Medien diskutierte Online-Sucht wirklich und wenn ja, wie kann sie sicher erkannt und behandelt werden? Dabei lassen beide Experten - wie es sich für die deutsch-deutsche Erbfeindschaft gehört - keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig zu beharken, sofern sie voneinander hören: "Mit Statistiken kann ich alles beweisen", kommentiert Oliver Seemann, Assistenzarzt an der Psychiatrischen Uni-Klinik München die Messungen in Berlin. Was die psychiatrischen Untersuchungen des Münchners betrifft, kontert Matthias Jerusalem, Professor für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Humboldt-Universität Berlin: "Es ist unwissenschaftlich, sich auf die Beobachtungen von einem Dutzend Patienten zu verlassen".

Vor einem Jahr haben beide Wissenschaftler Fragebögen ins Netz gestellt und sammeln seitdem eifrig Daten. Jerusalem hat unter www.internetsucht.de einen umfangreichen Persönichkeitstest gestartet. Seemann richtete unter www.psychiater.org eine Internet-Ambulanz ein und therapiert inzwischen 30 Klienten, die sich selbst als "online-süchtig" bezeichnen und über Leidensdruck klagen.

Das bisherige Ergebnis beider Ansätze: International anerkannte Suchtkriterien nach der DSM-Klassifikation (Diagnostical and Statistical Manual of Deseases) für herkömmliche Alkohol- oder Drogenabhängigkeit lassen sich durchaus auf die Internet-Sucht übertragen. Suizid- und Mordfälle - wenn beispielsweise der Netz-Zugang verweigert wird - seien bereits vorgekommen, berichten die Experten.

Jerusalem hat bis jetzt 9000 Daten per Fragebogen ermittelt und meint: "Das reicht für eine erste repräsentative Stichprobe". Danach sind etwa drei Prozent von rund 18 Millionen deutschen Surfern "süchtig". Jugendliche unter 18 Jahren und gesellschaftliche Sonderguppen wie Singles oder Arbeitslose sind besonders betroffen. Für besonders abhängigkeitserzeugend seien Computerspiele, aber auch das "Chatten", das weltweite Kommunizieren im Netz. Seemann hebt die sogenannten MUD's (Multi User Dungeons, zu deutsch: "Kerker für viele") hervor. Bei diesen Spielen tauchen die Teilnehmer in virtuelle Grusel- und Märchenwelten ab. Sie können die Gestalt von Hexen und Zauberern, Rittern, Königen und Bettlern annehmen und im Spiel "Bewährungsprüfungen"und Kämpfe bestehen. Computer-Sitzungen von 16 Stunden Dauer seine keine Seltenheit, sagt Seemann. Am Ende hätten die Nutzer Schwierigkeiten, virtuelle und erlebte Realität zu unterscheiden.

Während Jerusalem noch keine Hypothesen über Persönlichkeitsmerkmale von abhängigen Surfern machen will ("das können kontaktarme, aber auch besonders neugierige, kontaktstarke Menschen sein"), steht für Seemann schon eines fest: Abhängige Surfer haben ein Kontaktproblem. Sie erleben ihre sozialen Bindungen als unbefriedigend und lebten häufig allein. Das Internet also als Mutterersatz, das Geborgenheit, Orientierung und sozialen Ausgleich bietet, eine Erfahrung, die laut Seemann "in der Lebensrealität immer weniger möglich ist". Die Ursachen der Online-Sucht liegen für ihn nicht in einer bestimmten Persönlichkeitsstruktur, sondern in der "Gesellschaft, die krank macht".


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2000 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
und Gesundheitspsychologie
der Humboldt-Universität zu Berlin