Stress und Sucht im Internet
Ein Projekt am PSILab der Humboldt-Universität zu Berlin
* Pressespiegel zum SSI-Projekt: Tageszeitungen
09. Mai 2000
Berliner Zeitung
Sucht, mal seriös betrachtet - Ein Berliner Professor forscht über Menschen, die ohne Netz nicht mehr leben können

 

Amelie von Heydebreck

Die Schlagzeile war gewohnt prägnant: "Internet-Sucht: Der erste Tote" so titelte unlängst die "Bild"-Zeitung. Darauf folgte die knappe Meldung: "In Südkorea starb ein Mann, weil er nur noch vorm Computer saß! Die Polizei hatte den 37-Jährigen tot vor dem Rechner gefunden.".

Über solche Geschichten kann Matthias Jerusalem nur den Kopf schütteln. "Mir würden spontan eine ganze Reihe von Gründen einfallen, warum der Mann gestorben ist, die nichts mit der Internetsucht zu tun haben." Matthias Jerusalem muss es wissen: Er ist Professor am Institut für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Humboldt-Universität. Und er beschäftigt sich mit dem Thema "Internetsucht" - allerdings seriös,nüchtern und sachlich, als Wissenschaftler eben.

Überzogene Horror-Szenarien

Im Juli vergangenen Jahres haben Jerusalem, ein paar Internet-versierte Diplomanden und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter ihre Studienreihe zu "Stress und Sucht im Netz" begonnen. Schon damals, sagt er, "geisterten Schätzungen durch die Wissenschaftswelt", in denen bis zu zwanzig Prozent der Internetnutzer als süchtig bezeichnet wurden. Jerusalem wollte das nicht glauben.

Mit seinem Projektteam ging er der Sache deshalb auf den Grund. Die Wissenschaftler entwarfen einen komplexen Fragebogen, stellten ihn ins Netz und warteten ab. In nur drei Monaten hatten sich rund 14 000 Personen beteiligt. Früher als geplant konnten die Psychologen deshalb mit der Auswertung beginnen. Vorläufiges Ergebnis: Die ersten Horror-Szenarien waren offenbar überzogen. Nach den Befunden der Berliner Wissenschaftler sind lediglich 2,5 bis drei Prozent der deutschen Netzsurfer süchtig nach permanenten Online-Erlebnissen.

Andererseits: "Geht man von zehn Millionen Internetnutzern aus, heißt das, dass 250 000 Menschen möglicherweise betroffen sind", erklärt Jerusalem. Soeben ist deshalb der zweite Teil der Erhebung angelaufen, von der sich der Professor erste Hinweise auf die Hintergründe der Krankheit verspricht - denn darüber, sagt Jerusalem, sei bisher noch gar nichts bekannt.

Über seine Vermutungen will Jerusalem, ganz Wissenschaftler, nicht sprechen - obwohl er, wie er sagt, im Zuge der Studie "schon etliche Tausend E-Mails mit Berichten über persönliche Betroffenheit bekommen habe". Wer insistiert, erfährt immerhin: Unter den Süchtigen seien "mehr Heranwachsende", darunter mehr Jungen als Mädchen. Personen mit geringem Sozialstatus, etwa ohne Schulabschluss, seien "deutlich gefährdeter" als andere, genauso wie Arbeitslose und Teilzeitbeschäftigte. Außerdem verfielen der Sucht "mehr Menschen, die allein und isoliert leben". Im Durchschnitt, so Jerusalem, seien die Surfabhängigen in ihrer Freizeit rund 35 Stunden online. Fesseln würden sie vor allem Chats und andere Kommunikationssysteme, aber auch Spiele und Musik. Besonders die interaktiven Möglichkeiten des Mediums seien verführerisch.

Jerusalem beklagt, dass das, was andere bisher zum Thema veröffentlicht hätten, "aus wissenschaftlicher Sicht nicht so überzeugend war, wie man sich das wünschen würde". Seiner Kollegin Kimberly S. Young, Psychologie-Professorin an der University of Pittsburgh und Autorin des Buches "Caught in the Net - Suchtgefahr im Internet" bescheinigt er vor allem eins: Geschäftstüchtigkeit. Young war zu dem Ergebnis gekommen, dass der Anteil der Online-Süchtigen etwa so hoch liege wie bei Alkoholikern, nämlich zwischen 5 und 10 Prozent. Das Manko solcher Erhebungen besteht aus Sicht des Berliner Wissenschaftlers darin, dass jene Forscher "keine repräsentativen Stichproben, sondern selektierte Stichproben von überwiegend betroffenen Menschen" berücksichtigt hätten. Bewusst werben die Wissenschaftler der Humboldt-Universität deshalb Teilnehmer für ihre Studien nicht nur übers Netz.

Hier forscht kein Kulturpessimist

Andererseits muss der Professor einräumen, dass seine Ergebnisse auch deshalb vergleichsweise niedrig sind, weil er besonders strenge Maßstäbe anlegt. Mehrere Kriterien müssten erfüllt sein, damit man überhaupt von einem Süchtigen sprechen könne, so Jerusalem. "Das sind Kriterien, die für so genannte stoffungebundene Süchte wie Spielsucht oder Kaufrausch aufgestellt wurden." Da sei zum Beispiel der Kontrollverlust: "Der Surfer sagt sich um acht, dass er jetzt aufhören will, und dann hängt er um eins immer noch vor dem PC." Weitere Indizien sind eine ständig zunehmende Surf-Dauer sowie negative soziale Konsequenzen - wenn etwa die Arbeit oder private Beziehungen vernachlässigt werden. Auch wenn Betroffene vor lauter Internet nicht mehr zum Einkaufen, Putzen oder Lesen kommen, kann das auf eine Sucht hinweisen. Und wer in Abwesenheit eines Internet-Zugangs nervös und unzufrieden wird, leidet womöglich bereits unter suchttypischen Entzugserscheinungen.

Wie immer das Ergebnis der Studien-Reihe ausfällt - Jerusalem will seine Forschungsergebnisse "positiv nutzen". Es gehe darum, den Menschen zu vermitteln, wie man das neue Medium richtig und "psychosozial verträglich" gebraucht. Dabei will Jerusalem keinesfalls als Kulturpessimist gelten: "Mir ist wichtig, dass wir nicht hingehen und sagen: Das Internet ist schlecht. Ich bin keinesfalls dafür, Internetzugänge zu beschränken."

ONLINE-SUCHT-Hilfe gibt es auch im Netz. Wer an der aktuell laufenden Studie teilnehmen will, findet unter www.internetsucht.de einen Fragebogen.

Der Aufruf, sich zu beteiligen, richtet sich ausdrücklich nicht nur an Menschen, die glauben, betroffen zu sein. Hilfe für Betroffene gibt es ironischerweise auch im Netz - unter der Adresse www.onlinesucht.de

BLZ/CHRISTIAN SCHULZ

Auch Matthias Jerusalem nutzt das Netz. Aber er hat die Sache im Griff.


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2000 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
und Gesundheitspsychologie
der Humboldt-Universität zu Berlin