Stress und Sucht im Internet
Ein Projekt am PSILab der Humboldt-Universität zu Berlin
* Pressespiegel zum SSI-Projekt: Online-Veröffentlichungen
Ausgabe Oktober 1999
com!Online
Modekrankheit Internetsucht

 

Christiane Eichenberg und Ralf Ott

"Bei Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Provider." So oder ähnlich könnte es bald beim Installieren einer neuen Browserversion im Kleingedruckten lauten. Viele Berichte in den Medien warnen schon vor einer neuen sich epidemieähnlich ausbreitenden Krankheit, der Internetsucht. Und wie es sich gehört, schwappte das Thema aus den USA hinüber nach Deutschland.

Doch während es bei anderen Krankheiten jahrelanger Forschung braucht, um sie zu entdecken und zu beschreiben, genügten hier einige dramatische Berichte von Müttern, die ihre Kinder verhungern ließen und Studenten, die mit herausquellenden Augen nach monatelangen Vermißtsein tot in ihrem Zimmerchen zwischen einem großen Stapel Pizzakartons, Computer und horrenden Telefonrechnungen gefunden wurden. Breitangelegte Studien fehlen komplett.

Was ist nun dran an der Internetsucht? Modekrankheit, Medien-Hype, oder ein ernst zunehmendes Problem? Während amerikanische Experten warnen - und sich entsprechende Bücher hervorragend verkaufen, forschen deutsche Experten. Die Berliner Wissenschaftler um Prof. Dr. Matthias Jerusalem versuchen diese Frage seit Juni zu klären. "Zur Zeit gibt es weltweit kein zuverlässiges Instrument für die Diagnose von Internetsucht. Daher wollen wir in einem ersten Schritt überhaupt erst mal ein solches Instrument entwickeln", erläutert der Psychologe André Hahn. Im nächsten Schritt soll dann erforscht werden, ob die Internetnutzung zu Streß führen kann und ob die klassischen Suchtmerkmale sich auf den Bereich Internetsurfen übertragen lassen. Auskunftfreudige User können sich unter der Adresse http://www.internetsucht.de   an der Studie beteiligen.

Bis diese oder ähnliche seriöse Studien Ergebnisse präsentieren können, wird eine gewisse Zeit vergehen. Wer bis dahin nicht tatenlos sein will, kann sich an Selbsthilfegruppen wenden - sinnigerweise virtuelle [http://www.onlinesucht.de]. Oder er kann den Computer einfach ausmachen, sich ein Buch nehmen, vor den Fernseher setzen oder einfach wieder verstärkt mit Bekannten telefonieren. Aber Vorsicht: hier lauern Telefonsucht, Fernsehsucht und Lesesucht. Diese Warnungen und Befürchtungen erscheinen heute absurd, wurden aber gutmeinend vor vielen Jahren auch schon ausgesprochen.


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1999 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
und Gesundheitspsychologie
der Humboldt-Universität zu Berlin