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| Pressespiegel zum SSI-Projekt: Tageszeitungen | |||||||
| 2. September 1999 | |||||||
| Die Welt | |||||||
| Online-Sucht
- gibt es das überhaupt? Wissenschaftler erforschen das Phänomen noch, aber eine
Selbsthilfegruppe existiert bereits
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| Von Olaf Storbeck Köln Annamaria Braun hatte es sich immer wieder geschworen: Es sollte das letzte Mal sein. Am nächsten Tag habe ich dann doch wieder vor dem Computer gesessen und weitergemacht." Sechs Jahre lang hat die 48 Jahre alte Frau aus Büren bei Paderborn gechattet wie eine Verrückte" in ihren schlimmsten Zeiten acht Stunden am Tag, manchmal auch zwölf. Ich war wirklich süchtig danach", sagt Braun. Ihre Telefonrechnung summierte sich auf 1000 Mark und mehr im Monat. Inzwischen hat sich Annamaria Braun aus eigener Kraft von der Sucht befreit. Geholfen hat ihr dabei, ihre Erlebnisse aufzuschreiben. Wie ich der Sache so verfallen konnte, kann ich heute nicht mehr verstehen", sagt Frau Braun. Online-Sucht, von Fachleuten Internet Addiction Disorder" genannt, ist in den USA seit mehr als zwei Jahren ein großes Thema. Amerikanische Studien schätzen, dass zwischen 13 und 17 Prozent der Internet-Nutzer süchtig sind. In Deutschland hat sich vor wenigen Wochen im rheinischen Langenfeld die erste Selbsthilfegruppe von Internet-Junkies gegründet, der Verein Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige e. V. (HSO). Die wissenschaftliche Forschung steckt noch in den Kinderschuhen. Experten sind sich noch nicht einmal einig, ob Internet-Abhängigkeit als Krankheit im medizinischen Sinn überhaupt existiert. Seit wenigen Wochen untersucht die Humboldt-Universität Berlin das Thema. Wir wollen herausfinden, inwieweit es das Phänomen wirklich gibt", sagt der Psychologie-Professor Matthias Jerusalem. Die US-Zahlen hält er in jedem Fall für übertrieben: Ich gehe davon aus, dass in Deutschland weniger als fünf Prozent der Internet-Nutzer wirklich abhängig sind." Noch gibt es weltweit kein zuverlässiges Instrument zur Diagnose der Internet-Sucht, sagt Jerusalem. Das will der Psychologe in einem ersten Schritt entwickeln. Im Internet haben die Berliner Wissenschaftler einen Fragebogen veröffentlicht, in dem Websurfer über ihr Nutzungsverhalten befragt werden. Wir wenden die klassischen Kriterien für Suchtverhalten an." Zwei wesentliche Merkmale: Man kann sein Surfen nicht mehr kontrollieren und leidet unter Entzugserscheinungen, wenn man nicht im Internet ist. Jerusalem hofft, dass möglichst viele Internet-User den Fragebogen ausfüllen Gelegenheitssurfer ebenso wie intensive Nutzer. Nur dann bekommen wir einen repräsentativen Querschnitt." Bei der Selbsthilfegruppe HSO stehen seit der Gründung die Telefone nicht mehr still: Die Resonanz ist überwältigend, wir bekommen mehr als 100 Anrufe pro Tag", sagt die HSO-Vorsitzende Gabriele Farke. Zu 80 Prozent melden sich bei uns verzweifelte Angehörige, nicht die Betroffenen selbst." Gabriele Farke warnt vor Hysterie: Längst nicht jeder, der oft und lange im Web sei, sei Internetsüchtig. An der Online-Zeit alleine kann man das nicht festmachen." Bloßes Surfen auf Internet-Sites mache nicht süchtig. Fast immer seien es Chatforen, die abhängig machen. Inzwischen melden sich bei uns auch immer mehr Leute, die Probleme mit Online-Spielen haben." Gabriele Farke war selbst drei Jahre lang Online-süchtig: Was in einem Betroffenen vorgeht, kann ein Außenstehender kaum nachvollziehen." In Chatrooms baue man sehr schnell Vertrauen zu wildfremden Menschen auf. Man führt schnell sehr persönliche Gespräche", vertraue Chat-Freunden rasch intime Geheimnisse an. Die Internet-Bekanntschaften werden für einen Süchtigen wichtiger als die realen Freunde", beschreibt Farke. Ein Online-Junkie ziehe sich aus dem realen Leben zurück. Alle sozialen Kontakte treten in den Hintergrund, man stellt die Virtualität vor die Realität." Besonders gefährdet sind unsichere und gehemmte Persönlichkeiten", meint der Wiener Psychiater Hans Zimmerl, der sich als einer der Ersten in Europa mit dem Phänomen befasste. Im Internet versuchen sie, die persönlichen Defizite zu kompensieren", so Zimmerl. In Chatrooms könne man vor der Realität flüchten und mit verschiedenen Identitäten experimentieren. Die Folgen von Online-Sucht können dramatisch sein: Die Angehörigen und Partner fühlen sich überflüssig, oft zerbrechen Beziehungen daran", sagt Gabriele Farke. Leistungsabfall bei der Arbeit und ständiges Chatten im Büro könnten zum Verlust des Arbeitsplatzes führen. Hinzu kämen finanzielle Schwierigkeiten durch extrem hohe Telefonrechnungen. In ganz Deutschland will die Selbsthilfegruppe Anlaufstellen für Online-Süchtige aufbauen. Inzwischen gibt es neun HSO-Ortsverbände, im Herbst sollen weitere gegründet werden. In den Gruppen sollen Betroffene nicht nur Erfahrungen über ihre Sucht austauschen. Gemeinsame Ausflüge zum Baggersee oder in den Biergarten sollen helfen, wieder im wirklichen Leben Fuß zu fassen. Den Computer abzuschaffen, sei kein Ausweg aus der Sucht, betont Farke. Das ist in der heutigen Zeit, wo der Computer und das Internet beruflich und privat immer wichtiger werden, nicht praktikabel." Online-Süchtige müssten daher lernen, vernünftig und kontrolliert mit dem Netz umzugehen. Wir wollen das Internet auf keinen Fall verdammen", betont sie. Für Krankenkassen ist Internet-Abhängigkeit ein völlig neues Phänomen", sagt Ulrich Mohr, Sprecher der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen des Verbandes der Angestelltenkrankenkassen. Die Krankenkassen können die Arbeit der Selbsthilfegruppe bislang nicht finanziell unterstützen. Dafür muss die Online-Sucht vom Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen erst offiziell als Krankheit anerkannt werden", sagt Mohr. So eine Entscheidung wird nicht von einer Woche auf die andere gefällt." Die Selbsthilfegruppe HSO im Internet: Das Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin: |
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© 1999 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Humboldt-Universität zu Berlin |
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