Stress und Sucht im Internet
Ein Projekt am PSILab der Humboldt-Universität zu Berlin
* Pressespiegel zum SSI-Projekt: Tageszeitungen
4. Juli 1999
Der Tagesspiegel
Droge Internet: Macht Surfen und Chatten abhängig? Amerikanische Experten warnen, deutsche Experten forschen

 

VON DAVID ENSIKAT

Gegen die Internetsucht ihres Mannes wählte eine 29jährige Amerikanerin ein drastisches Mittel: Sie zertrümmerte mit dem Beil seinen Computer. Am vergangenen Montag wurde sie zu einer Strafe von 200 Dollar verurteilt. Wie es ihrem süchtigen Mann geht, war der Agenturmeldung nicht zu entnehmen.

Trotzdem wäre die Nachricht kaum verbreitet worden, wenn nicht gleich von "Internetsucht" die Rede gewesen wäre. Dabei ist es noch gar nicht erwiesen, ob es eine solche Krankheit überhaupt gibt. Wie es sich gehört, schwappte das Thema aus den USA hinüber nach Deutschland. Seit etwa einem Jahr gibt es hier immer wieder Presseberichte über Studien, zumeist amerikanische, die sich mit dem Symptom befassen. Allzu gut paßt das Schlagwort "Internetsucht" in die Vorstellungswelt all derjenigen, die es schon immer wußten: Das kann nicht gut sein, das mit den neuen Medien. Und wenn Leute freiwillig mehrere Stunden pro Tag vor der Flimmerkiste mit Modemanschluß sitzen, dann finden das vor allem diejenigen bedenklich, die gar nicht wissen, was ein Modem überhaupt ist.

Ein wenig ähneln die Suchtwarnungen den Bedenken, die es gab, als das Fernsehen neu war, und als das Radio aufkam - selbst vor übermäßigem Bücherlesen warnten besonders gutmeinende vor vielen Jahren einmal. Stets gibt es scheinbar wissenschaftliche Argumente für die Befürchtungen. Und wenn ein Suchtphänomen erst einmal von amerikanischen Wissenschaftlern eine Abkürzung erhalten hat, na dann muß schon etwas dran sein.

IAD - Internet Addiction Disorder (Internet-Abhängigkeitsstörung), so heißt die Zauberformel aus Übersee. Es gibt hier sogar schon eine "Cyber-Psychologin": Kimberly S. Young hat ein Buch zum Thema geschrieben, "Caught in the Net", und leitet in Bradford (Massachussets) das Center for On-Line Addiction der Universität Pittsburgh (www.netaddiction.com). Sie geht davon aus, daß rund 200 000 US-Bürger online-süchtig sind. Diese würden durchschnittlich 38 Stunden pro Woche im Internet zubringen und typische Anzeichen für Suchtverhalten zeigen, zum Beispiel Entzugserscheinungen und Verlust sozialer Kontakte. Auf wirklich breiten und repräsentativen Studien beruhen die Zahlen jedoch nicht. Die zahlreichen Studien, die bislang vor allem in den USA unternommen wurden, kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Einmal ist ganz pauschal die Rede davon, daß das Internet depressiv, gestreßt und einsam mache. Dann wieder sind Forscher der Meinung, daß die kommunikativen Fähigkeiten durch das Internet befördert würden. Einige Studien liefern auch Zahlen zum Anteil der Süchtigen unter den Internet-Surfern. Die schwanken allerdings zwischen einem und über zehn Prozent.

Kritiker der vorschnellen Suchttheorien warnen davor, ohne funderte psychologische Untersuchungen eine völlig neue Krankheit zu definieren. Sie weisen darauf hin, daß psychische und soziale Konflikte zu suchtartigem Verhalten führen können, und bezweifeln, daß das Netz die Ursache ist.

Hans Zimmerl, Psychotherapeut in Wien, war maßgeblich beteiligt an einer Studie über die Internet-Abhängigkeit unter Besuchern eines populären deutschsprachigen "Chatrooms", einem Internet-Forum, in dem sich Menschen via Computer unterhalten können. Ergebnis: fast 13 Prozent würden "ein suchtartiges Verhalten aufweisen, welches man als 'Pathologischen Internet-Gebrauch (PIG)' bezeichnen könnte". Allerdings versteht Zimmerl seine Studie nicht als Beweis dafür, daß es tatsächlich die Internet-Abhängigkeit als eigenständiges Krankheitsbild gibt. Er glaubt vielmehr, daß es sich hierbei um ein "Symptom einer anderen zugrundeliegenden Störung" handelt. Hans Zimmerl betont, daß es sich bei den Chatrooms um einen ganz speziellen Bereich des Netzes handelt. Hier würde eine Form der Metakommunikation betrieben, die kaum etwas mit "normalem" Sozialverhalten zu tun habe. Damit widerspricht er Auffassungen, nach denen die Kommunikation über das Netz in jedem Fall etwas Positives sei. Daß das Internet als solches aber süchtig mache, bezeichnet Zimmerl als den "größten Quatsch": "Wie wollen Sie denn vom World Wide Web süchtig werden? Vielleicht, weil Sie etwas nicht finden?" Ein abschließendes Urteil über das Problem könne jedoch noch lange nicht getroffen werden. Dazu fehle noch die breitangelegte wissenschaftliche Studie, die zunächst einmal beschreiben müßte, wie "normales Surfverhalten" überhaupt aussehe.

Seit vergangenen Dienstag bemühen sich Psychologen der Humboldt-Universität, erste Daten zu erhalten, um eben eine solche Studie zu erarbeiten. Ihren ersten Fragebogen haben sie bereits veröffentlicht - natürlich im Internet. Und siehe da: nach nur drei Tagen hatten ihn 2000 Leute ausgefüllt. 3000 sollen es werden, dann soll auf Grundlage der Auswertung das ganze Prozedere verfeinert werden. Besonders wichtig sei es, so sagt der Studienleiter Matthias Jerusalem, daß sich möglichst viele "Normalnutzer" an der Aktion beteiligen. Sonst könne man sich kaum ein Bild machen über die wirkliche Verbreitung des Problems "Stress und Sucht im Internet" (so auch der Titel der Studie). Ob die Hoffnung auf eine repräsentative Probandenschar berechtigt ist, steht dahin: Rein zufällig wird kaum jemand auf den Fragebogen stoßen. Er hat die Internetadresse "www.internetsucht.de".

Weitere Informationen zum Thema

Kimberly S. Young: Caught in the Net - Suchtgefahr im Internet, Kösel Verlag, 36,- DM

http://www.internetsucht.de

http://www.onlinesucht.de 


©
1999 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
und Gesundheitspsychologie
der Humboldt-Universität zu Berlin