Stress und Sucht im Internet
Ein Projekt am PSILab der Humboldt-Universität zu Berlin
* Frequently Asked Questions
Sind denn jetzt alle Internetnutzer süchtig, nur weil sie gern surfen? Was ist denn Internetsucht? Wann bin ich süchtig?
Noch sind eine ganze Reihe von Fragen offen: Kann es eine Internetsucht überhaupt geben? Wenn ja, welche Definitionsmerkmale sollten dann zu ihrer Diagnostik herangezogen werden? Wenn auch über die Definitionsmerkmale Einigkeit erzielt wurde, stellt sich die empirische Frage, ob es eine Suchtproblematik in dem Ausmaß in der Bundesrepublik gibt, wie es etwa in amerikanischen Studien für die USA behauptet wird.

Die Frage, ob es überhaupt eine Internetsucht geben kann, ist eine akademisch-wissenschaftliche Frage der Etikettierung einer Verhaltensauffälligkeit (=Abweichung von der Norm). Unbestritten gibt es eine Fülle von dokumentierten Einzelfällen, in denen Betroffene nicht nur über extensive Internetnutzung berichten, sondern auch über dramatische Konsequenzen ihres Verhaltens Auskunft geben. Die Berichte erinnern in der Tat an Menschen, die von einer Substanz wie Alkohol oder Heroin abhängig sind. Die Verhaltensauffälligkeit als solche kann also schwerlich bestritten werden. Aber das Internet ist keine Droge, die komplexe körperliche Prozesse verursacht, die fast unweigerlich zu einer Abhängigkeit führen. Wenn das Internet die Eigenschaften einer Droge hätte, dann würden wir erwarten, dass nahezu jeder der damit in Berührung kommt über kurz oder lang davon nicht mehr los kommt und zwar auch dann nicht, wenn sich katastrophale Nebenwirkungen einstellen. Dem Internet fehlt also von sich aus die direkte Möglichkeit, einen Menschen süchtig zu machen. Ähnliches gilt natürlich auch für das Fernsehen, für Bücher oder unseren Toaster. Auch wenn wir nicht gern auf den Toaster oder das Internet verzichten würden, also in diesem Sinne "abhängig" sind, sind wir trotzdem nicht süchtig, weil das Verhalten nicht körperlich erzwungen wird, also keine Verhaltensnotwendigkeit zur Erhaltung der Grundbefindlichkeit besteht. In diesem Sinne ist die Etikettierung einer Verhaltensauffälligkeit als "Internetsucht" unglücklich, weil der Begriff nahelegt, dass das Internet die Ursache für die Sucht ist. Dies ist aber in dieser einfachen Form einer direkten Wirkung des Internets auf den Menschen nicht der Fall. Ist es deshalb falsch, von Internetsucht zu sprechen? Wir meinen: Nein, solange klar ist, dass mit dem Begriff lediglich ein Verhaltenssyndrom (Syndrom = gleichzeitige Anwesenheit von mehreren Symptomen) beschrieben wird.

Was definiert nun die Internetsucht? Was sind die Merkmale? Ivan Goldberg, ein amerikanischer Psychiater, der in New York arbeitet und sich seit vielen Jahren mit dem Internet beschäftigt, hat den Begriff Internetsucht quasi erfunden und auch gleich ein paar Symptome mitgeliefert, die er der Diagnostik der Spielsucht ("pathologisches Spielen") entnommen hatte. Was eher als Scherz einer Email an eine von ihm moderierte Mailingliste zur Charakterisierung seines eigenen Internetverhaltens und dem vieler seiner virtuellen Kollegen gemeint war, trifft dennoch im Kern den Inhalt wie er heute diskutiert wird. Da war wohl doch mehr Wahrheit in dem Scherz zur finden als nur das berühmte Körnchen.

Befreit man die in der Literatur vorgeschlagenen Merkmale zur Definition der Internetsucht von Redundanzen und eindeutigen ein- oder wechselseitigen Abhängigkeiten so ergeben sich fünf Merkmale:

a) Einengung des Verhaltensraums, d. h., nahezu das gesamte Tageszeitbudget wird mit internetbezogenen Aktivitäten verbracht (hierzu zählen auch viele Tätigkeiten außerhalb des eigentlichen "Online"-Seins).

b) Kontrollverlust, d. h., Versuche, die Internetaktivitäten einzuschränken scheitern; Vorsätze zur Verhaltensänderung werden trotz festen Willens nicht realisiert.

c) Toleranzentwicklung, d. h., die zeitliche Ausdehnung der Internetaktivitäten steigt stetig bis zur völligen Einnahme des verfügbaren Tageszeitbudgets einer Person (Steigerung der Dosis)

d) psychische Entzugserscheinungen, die auch als "craving" (Verlangen) bezeichnet werden. Nebem dem Zustand des "sich sehnens nach" - als Analogie mag hier der Zustand eines frisch verliebten Menschens herhalten, der sich wegen Abwesenheit seines Partners nach diesem "sehnt" - treten in der Zeit, in der keine internetbezogenen Aktivitäten möglich sind, Befindlichkeitsbeeinträchtigungen auf. Hierzu zählen bespielsweise Nervosität, innere Unruhe, Reizbarkeit und Unzufriedenheit.

e) negative Konsequenzen insbesondere in den sozialen Bereichen "Arbeit/Leistung" sowie soziale Beziehungen (z.B. Ärger mit Arbeitgeber, Schule, Familie, Freundin und so weiter).

Sind Sie also süchtig, wenn Sie viel Zeit im Internet verbringen? Nein. Zeitlich ausgedehnte Internetnutzung ist nur ein Merkmal der Sucht. Viele Menschen verdienen ihr Geld mit dem Internet (z.B. Administratoren, Webmaster, Programmierer, Redakteure). Diese Menschen wären alle süchtig, würde man die Definition der Internetsucht an nur diesem einen Merkmal festmachen. Würde die zeitliche Extension eines Verhaltens als alleiniges Merkmal einer Sucht herhalten müssen, bestände außerdem das Problem, dass jedes beliebige Verhalten zu einer Sucht wird, solange dieses Verhalten nur häufig und lange genug ausgeführt wird. Von einer Internetsucht sprechen wir nur dann, wenn alle Merkmale gleichzeitig erfüllt sind. Und auch dieses Kriterium reicht noch nicht aus: Jedes dieser Merkmale muss auch eine extreme Ausprägung aufweisen, was als Abweichung von der Norm (den Durchschnittswerten) definiert wird.

Ist das Internet denn nun ganz unbeteiligt an der Sucht? Was sind die Ursachen der Internetsucht?

Das ist eine sehr schwierige Frage, zu der wir noch weitere Studien durchführen wollen. Daher hier nur eine Skizze des theoretischen Grundgedankens. Das Internet bzw. seine Inhalte kann verschiedene Funktionen erfüllen. Eine denkbare Funktion wäre, sich im Internet Vergnügen zu können (z.B. "Wenn ich im Internet bin, fühle ich mich schon nach kurzer Zeit sehr wohl"). Diese Funktion mag für jeden Netznutzer unterschiedlich hoch ausfallen, für manche trifft sie vielleicht gar nicht zu. Wichtig ist nur, dass das Internet individuell verschiedene Eigenschaften aufweist. Damit nun das Internet diese Funktion für einen Menschen erfüllen kann, indem es diese Eigenschaft zur "Konsumption" bereit hält, muss auf der Seite der Person ein Bedarf bestehen. Um im Beispiel zu bleiben: Die Person muss sich also unwohl fühlen. Die missgestimmte Person wird also dann das Internet nutzen, wenn die Internetnutzung für diese spezielle Person die Funktion der Befindlichkeitsverbesserung erfüllt und alternative Handlungen nicht oder nicht so leicht verfügbar sind oder aber nicht im gleichen Ausmaß die gewünschte Funktion erfüllen. Die Frage nach den Ursachen lässt sich also nur aus dem Verhältnis von Personeneigenschaften und den zugeschriebenen Eigenschaften des Mediums verstehen, wobei als Mechanismus zunächst ein einfaches "Schlüssel-Schloss-Prinzip" angenommen wird.

 


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1999-2001 Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie
und Gesundheitspsychologie
der Humboldt-Universität zu Berlin