Prof. Dr. Matthias Jerusalem
Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie


Buchbesprechung in der Zeitschrift für Experimentelle Psychologie (ZEP 1/2000)


Dieses Buch bietet in 15 Originalbeiträgen unter Mitwirkung von insgesamt 25 Autoren einen Überblick über die aktuelle psychologische Forschung im deutschsprachigen Raum zu den emotionalen und motivationalen Aspekten menschlicher Leistungen. Damit füllt das Buch eine wichtige Marktlücke, denn trotz der anerkannten Bedeutsamkeit emotionaler und motivationaler Faktoren für die Leistung und trotz der Tatsache, daß Forschung zu diesem Thema heute in fast allen Teilbereichen der Psychologie stattfindet, gab es bisher keine vergleichbare Forschungsdokumentation. Ein Ziel der Herausgeber war dementsprechend auch, die aktuelle Forschung zum Titelthema zu dokumentieren. Ein zweites Ziel beruht auf der Beobachtung - der der Rezensent nur zustimmen kann - daß die Forschung zu leistungsrelevanter Emotion und Motivation derzeit durch eine Fragmentarisierung der Forschungsbemühungen und das Nebeneinanderbestehen unterschiedlicher Forschungs- und Theorietraditionen gekennzeichnet ist. Durch die Darstellung dieser Forschungsströmungen in einem gemeinsamen Band möchten die Herausgeber deshalb auch das Gespräch zwischen den verschiedenen Teildisziplinen und Forschungstraditionen anregen, da "nur auf diese Weise kumulative Fortschritte einer Psychologie menschlicher Leistungen langfristig sicherzustellen sind" (Einleitung, S. 3).

Die 15 Einzelbeiträge sind von den Herausgebern in drei Gruppen, nach ihrer Herkunft aus unterschiedlichen Teildisziplinen der Psychologie, organisiert worden: Allgemeine- und Sozialpsychologie (4 Beiträge), Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (5 Beiträge), Pädagogische-, Sport- und Arbeitspsychologie (6 Beiträge). Die Autoren sind ohne Ausnahme in dem von ihnen jeweils behandelten Themenbereich aktiv in der Forschung tätig. Etwa ein Drittel der Beiträge sind Übersichtsartikel zur internationalen empirischen und theoretischen Forschung (inklusive der eigenen Forschung) zur Beziehung zwischen Emotion und/oder Motivation und Leistung in der jeweiligen Teildisziplin; die übrigen Beiträge berichten primär über die Ergebnisse aktueller, eigener empirischer Untersuchungen, wobei aber auch in diesen Beiträgen einleitend der relevante internationale Forschungsstand zumindest knapp zusammengefaßt wird. Im folgenden gebe ich eine kurze Übersicht über die einzelnen Beiträge, wobei ich sie grob in die stärker emotions- und die stärker motivationspsychologisch orientierten gruppiere.

Das am häufigsten behandelte Thema der emotionspsychologischen Beiträge betrifft die Effekte von Emotionen und Stimmungen auf Leistungen verschiedener Art sowie die möglichen Mechanismen, die diese Effekte vermitteln. Bless und Fiedler geben eine Übersicht über die (überwiegend sozialpsychologische) experimentelle Forschung zu den Effekten von Stimmungen und Emotionen auf Gedächnisleistungen und soziale Urteile, erörtern verschiedene Theorien zur Erklärung dieser Effekte, und präsentieren ein Alternativmodell. Analog faßt Abele die experimentelle Forschung zu den Effekten von Stimmungen und Emotionen auf Leistungen bei kognitiven Aufgaben zusammen, erörtert bisherige Erklärungsversuche, präsentiert ein integratives Modell, und berichtet über eine Serie eigener empirischer Studien, in denen dieses Modell überprüft wurde. Drei der Beiträge aus der pädagogischen Psychologie berichten unter anderem ebenfalls empirische Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen Emotionen und Leistungen, diesmal schulische Lern- oder Prüfungsleistungen: Kleine und Schmitz fassen die Ergebnisse einer umfangreichen Felduntersuchung zu den Ursachen und Auswirkungen von Stimmungen bei Schülern zusammen, Jerusalem und Mittag referieren zentrale Befunde einer nicht minder umfänglichen Studie zur Beziehung zwischen Kognitionen, Emotionen und Leistungen bei Schülern; und Pekrun und Hofmann berichten Befunde eines Forschungsprogramms zu spezifischen Lern- und Leistungsemotionen. Im zuletzt genannten Beitrag wird außerdem ebenfalls ein Modell der den Lern- und Leistungswirkungen von Emotionen zugrunde liegenden Mechanismen vorgestellt. Schließlich berichtet Hackfort über die Ergebnisse eigener Untersuchungen zu den Auswirkungen von Emotionen auf sportliche Leistungen.

Die genannten pädagogischen Beiträge beschäftigen sich zudem mit möglichen (kognitiven, sozialen oder institutionellen) Ursachen von Emotionen. Ebenfalls um eine kognitive Ursache von Emotionen geht es im Aufsatz von Otto: In mehreren Untersuchungen wird die Hypothese überprüft, daß bestimmte Denkstile damit kongruente Stimmungen aufrechterhalten können. Zwei weitere Beiträge befassen sich mit zwei spezifischen Emotionen, Überraschung bzw. Neugier, die für Leistungen zwar hauptsächlich indirekt aber darum nicht weniger stark von Bedeutung sind, indem sie nämlich den Erwerb oder die Revision von Wissen beeinflussen: Schützwohl und Horstmann berichten aus allgemeinpsychologischer Perspektive über empirische Untersuchungen zur Funktion der Überraschung bei der Revision kognitiver Schemata; Trudewind, Mackowiak, und Schneider aus entwicklungspsychologischer Sicht über Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Rolle von Neugier (sowie Ängstlichkeit) beim Wissenserwerb.

In den primär motivationspsychologisch orientierten Beiträgen geht es um folgende Themen. Schmidt und Kleinbeck fassen die in der Arbeits- und Organisationspsychologie entwickelte Zieltheorie von Locke und Latham und die empirische Befundlage zu dieser Theorie zusammen. Beckmann präsentiert ein auf der Grundlage der Handlungskontrolltheorie von Kuhl entwickeltes Zwei-Ebenen-Modell der Handlungskontrolle, das insbesondere die Überwindung von Widerständen und Schwierigkeiten beim Leistungshandeln erklären kann, und berichtet über empirische Untersuchungen zu diesem Modell. Brunstein, Maier und Schultheiß stellen Theorie- und Befundlage zur Rolle impliziter und expliziter Motive und ihres Zusammenspiels für das Leistungshandeln dar. Spangler und Zimmermann geben einen Forschungsüberblick über die Entwicklung der Leistungsmotivation und des Bindungsverhaltens und diskutieren auf diesem Hintergrund den Einfluß früher Erfahrungen auf Intelligenz und Schulleistung. In einem weiteren Beitrag berichtet Spangler über die Ergebnisse einer Längsschnittstudie, in der u. a. die Vorhersagbarkeit der Leistung und Motivation von Grundschülern aus früheren kindlichen Verhaltensweisen und Mustern der Mutter-Kind-Interaktion untersucht wurde.

Die drei Teile des Buches werden von den Herausgebern durch ausführliche Zusammenfassungen der einzelnen Beiträge eingeleitet; ein abschließendes Autoren- und Stichwortregister hilft dem Leser oder der Leserin dabei, verwandte Themen aufzuspüren. Insgesamt ist das Buch eine wertvolle Sammlung von Arbeiten zu den emotionalen und motivationalen Aspekten menschlicher Leistungen, das sich jeder auf diesem Forschungsgebiet Tätige gerne anschaffen wird. Aber auch den praktisch tätigen Psychologen und Psychologinnen liefert das Buch zahlreiche interessante Informationen. Besonders erfreulich fand ich schließlich, daß das Werk über die Dokumentation der vorhandenen Forschung hinausgehend bereits einige Ansätze zur Integration der Forschung enthält (siehe insbesondere den Beitrag von Rheinberg). Im Sinn der Zielsetzung der Herausgeber darf man hoffen, daß die Veröffentlichung des Buches diese Entwicklung weiter befördern wird.


Rainer Reisenzein