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Förderung
von Selbstwirksamkeit bei Schülern und Lehrern
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Die aktuelle Diskussion um
die Leistungsmängel deutscher Schüler im Vergleich zu denen im Ausland hat vor
allem zwei Forderungen Nachdruck verliehen: mehr Qualitätssicherung im Bildungswesen
und mehr Schulreform "von innen". Pädagogische Qualität sollte nicht
nur durch transparente Leistungsvergleiche von außen gesichert werden, sondern
durch bessere Qualifizierung von Schülern und Lehrern. Wie man guten Unterricht
verwirklicht und neue Impulse für die Schulreform liefert, haben zehn Schulen
aus zehn Bundesländern drei Jahre lang ausprobiert.
Diese Pilotschulen haben sich für ihre Reformarbeit dem Konzept der Selbstwirksamkeit
verpflichtet, das in Amerika sehr populär ist. Mit dem Begriff Selbstwirksamkeitserwartung
wird zum Ausdruck gebracht, daß Menschen eine subjektive Überzeugung von ihren
Kompetenzen haben. Positive Selbstwirksamkeitserwartungen fördern die Motivation,
neue und schwierige Aufgaben zu bearbeiten und dabei Anstrengung und Ausdauer
aufzuwenden. Negative Selbstwirksamkeitserwartungen dagegen lassen Menschen
initiativlos werden oder veranlassen sie, vorzeitig aufzugeben. Selbstwirksamkeitserwartung
läßt sich in der Schule fördern, indem zum Beispiel gut dosierte Aufgaben mit
ansteigendem Schwierigkeitsgrad gegeben werden, verbunden mit häufigen Rückmeldungen
und Ermutigungen sowie einem generell leistungsförderlichen Unterrichtsklima.
Die Ergebnisse des bundesweiten Modellversuchs "Verbund selbstwirksamer
Schulen" werden in diesem Bericht dargestellt. Zunächst ist festzuhalten,
daß es bei den ca. 3500 Schülern deutliche Veränderungen während des Zeitraums
von drei Jahren gegeben hat. Bei Schülern in den Klassenstufen 7 bis 10 wurden
zwar die Noten ein wenig schlechter, aber dies entspricht dem altersgemäßen
Trend und war so zu erwarten. Wichtiger ist hier dagegen, daß die Selbstwirksamkeitserwartung
und die Lernfreude im selben Zeitraum durchschnittlich angestiegen sind. Schüler
dieser Modellschulen wurden optimistischer, entwickelten mehr Vertrauen in ihre
Kompetenzen und wurden wißbegieriger. Dies wird als ein Ergebnis des guten Unterrichts
aufgefaßt und stellt zugleich eine günstige Voraussetzung für den weiteren Schulerfolg
dar. Sieht man genauer in die Daten hinein, so findet man einen Zusammenhang
zwischen der Selbstwirksamkeitserwartung und der Lernleistung. Ein Anstieg in
der Selbstwirksamkeitserwartung drückt sich in besseren Leistungen aus, ein
Abstieg dagegen in schwächeren Leistungen. Es wird also angenommen, daß die
schulischen Reformprojekte die Schüler zu mehr Lernfreude veranlassen (mehr
darüber findet man in dem Kapitel von Matthias Kolbe).
Die positive Veränderung von Schülerpersönlichkeitsmerkmalen ergibt sich aus
dem innovativen pädagogischen Kontext. Dieser läßt sich auch in dem Schulklima
sowie dem Klassenklima wiederfinden. Um solche sozialklimatischen Merkmale zu
erforschen, haben wir das Konzept des "Mastery Klimas" entworfen.
Es ist dann gegeben, wenn die Lehrer von den Schülern als fürsorglich wahrgenommen
werden, wenn sie zufrieden mit dem Unterricht sind und wenn sie spüren, daß
ihr Lernfortschritt erkannt und anerkannt wird. Gleichzeitig soll der Leistungsdruck
nicht als streßreich empfunden werden. Fünfzehn Klassen ließen sich auf diese
Weise charakterisieren, während in 14 Klassen das Gegenteil ausgeprägt war.
Die klimanegativen Klassen sowie die klimaneutralen Klassen wiesen einen relativ
geringen Grad an Selbstwirksamkeitserwartung auf. Die Mastery-Klassen dagegen
lagen mit deutlichem Abstand darüber. Ihre hohe Selbstwirksamkeitserwartung
kann teilweise auf das günstige Klima zurückgeführt werden. Es wird angenommen,
daß Klima und Selbstwirksamkeitserwartung ein "sich selbst stabilisierendes
System" bilden. Mehr darüber steht im Kapitel von Lars Satow.
Auch die Lehrer selbst profitieren von ihren Bemühungen. Ihre Selbstwirksamkeitserwartung
stieg im Laufe des Modellversuchs an. Vor allem gibt es kaum Anzeichen für das
Burnout-Syndrom ("Ausbrennen"), das durch Erschöpfung, Zynismus und
Leistungsverlust gekennzeichnet ist und das normalerweise bei Lehrern aufgrund
ihres streßreichen Berufsalltags stärker ausgeprägt ist. Selbstwirksamkeitserwartung
erweist sich als Schutzfaktor, der die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung
von beruflichem Burnout deutlich verringert. Mehr darüber steht in dem Kapitel
von Gerda Schmitz.
Über Fortbildungs- und Trainingsmaßnahmen wollen wir an dieser Stelle nicht
berichten, um den Umfang nicht zu sprengen. Es sei nur erwähnt, daß ein Lehrertraining
entwickelt worden ist, welches nach einigen Revisionen geeignet sein dürfte,
auch einer größeren Lehrerschaft das Konzept der Selbstwirksamkeit bekanntzumachen
und bei ihr Veränderungen in der beruflichen Selbstregulationskompetenz zu erzielen.
Der hiermit vorgelegte Bericht wurde zum Abschluß der Förderphase notwendig.
Damit soll aber nicht der Eindruck erweckt werden, daß alle Ergebnisse hier
erschöpfend dargestellt werden. Es gibt zahlreiche Einzelbefunde, die hier nicht
genannt werden können, sowie vorläufige Tendenzen, die noch einer gründlichen
statistischen Absicherung und Interpretation bedürfen. Es handelt sich somit
um einen Werkstattbericht, der den Status Quo der Auswertung charakterisiert.
Auch in der editorischen Gestaltung und der äußeren Form dieses Werkstattberichts
sind nicht die Ansprüche anzulegen, die man an ein Buch stellen würde. Den Autoren
haben wir viel Freiheit gelassen, so daß dieser Band vor allem ihre Handschrift
trägt. Wir bedanken uns bei ihnen für ihre wertvolle Arbeit.
Berlin, im Juni 1999
Matthias Jerusalem und Ralf Schwarzer
Das Erleben eigener Wirksamkeit
im Zusammenhang
mit Schulleistungen, Lernfreude und Klassenklima
Matthias Kolbe
Klassenklima- und Selbstwirksamkeitsveränderungen
Lars Satow
Entwicklung von Burnout und
Selbstwirksamkeit bei Lehrern
Gerdamarie S. Schmitz
Die Schulen und ihr Kontext
Judith Bäßler
Resümee und Ausblick
Projektveröffentlichungen
Autorenverzeichnis