Prof. Dr. Matthias Jerusalem
Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie


Förderung von Selbstwirksamkeit bei Schülern und Lehrern


Die aktuelle Diskussion um die Leistungsmängel deutscher Schüler im Vergleich zu denen im Ausland hat vor allem zwei Forderungen Nachdruck verliehen: mehr Qualitätssicherung im Bildungswesen und mehr Schulreform "von innen". Pädagogische Qualität sollte nicht nur durch transparente Leistungsvergleiche von außen gesichert werden, sondern durch bessere Qualifizierung von Schülern und Lehrern. Wie man guten Unterricht verwirklicht und neue Impulse für die Schulreform liefert, haben zehn Schulen aus zehn Bundesländern drei Jahre lang ausprobiert.
Diese Pilotschulen haben sich für ihre Reformarbeit dem Konzept der Selbstwirksamkeit verpflichtet, das in Amerika sehr populär ist. Mit dem Begriff Selbstwirksamkeitserwartung wird zum Ausdruck gebracht, daß Menschen eine subjektive Überzeugung von ihren Kompetenzen haben. Positive Selbstwirksamkeitserwartungen fördern die Motivation, neue und schwierige Aufgaben zu bearbeiten und dabei Anstrengung und Ausdauer aufzuwenden. Negative Selbstwirksamkeitserwartungen dagegen lassen Menschen initiativlos werden oder veranlassen sie, vorzeitig aufzugeben. Selbstwirksamkeitserwartung läßt sich in der Schule fördern, indem zum Beispiel gut dosierte Aufgaben mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad gegeben werden, verbunden mit häufigen Rückmeldungen und Ermutigungen sowie einem generell leistungsförderlichen Unterrichtsklima.
Die Ergebnisse des bundesweiten Modellversuchs "Verbund selbstwirksamer Schulen" werden in diesem Bericht dargestellt. Zunächst ist festzuhalten, daß es bei den ca. 3500 Schülern deutliche Veränderungen während des Zeitraums von drei Jahren gegeben hat. Bei Schülern in den Klassenstufen 7 bis 10 wurden zwar die Noten ein wenig schlechter, aber dies entspricht dem altersgemäßen Trend und war so zu erwarten. Wichtiger ist hier dagegen, daß die Selbstwirksamkeitserwartung und die Lernfreude im selben Zeitraum durchschnittlich angestiegen sind. Schüler dieser Modellschulen wurden optimistischer, entwickelten mehr Vertrauen in ihre Kompetenzen und wurden wißbegieriger. Dies wird als ein Ergebnis des guten Unterrichts aufgefaßt und stellt zugleich eine günstige Voraussetzung für den weiteren Schulerfolg dar. Sieht man genauer in die Daten hinein, so findet man einen Zusammenhang zwischen der Selbstwirksamkeitserwartung und der Lernleistung. Ein Anstieg in der Selbstwirksamkeitserwartung drückt sich in besseren Leistungen aus, ein Abstieg dagegen in schwächeren Leistungen. Es wird also angenommen, daß die schulischen Reformprojekte die Schüler zu mehr Lernfreude veranlassen (mehr darüber findet man in dem Kapitel von Matthias Kolbe).
Die positive Veränderung von Schülerpersönlichkeitsmerkmalen ergibt sich aus dem innovativen pädagogischen Kontext. Dieser läßt sich auch in dem Schulklima sowie dem Klassenklima wiederfinden. Um solche sozialklimatischen Merkmale zu erforschen, haben wir das Konzept des "Mastery Klimas" entworfen. Es ist dann gegeben, wenn die Lehrer von den Schülern als fürsorglich wahrgenommen werden, wenn sie zufrieden mit dem Unterricht sind und wenn sie spüren, daß ihr Lernfortschritt erkannt und anerkannt wird. Gleichzeitig soll der Leistungsdruck nicht als streßreich empfunden werden. Fünfzehn Klassen ließen sich auf diese Weise charakterisieren, während in 14 Klassen das Gegenteil ausgeprägt war. Die klimanegativen Klassen sowie die klimaneutralen Klassen wiesen einen relativ geringen Grad an Selbstwirksamkeitserwartung auf. Die Mastery-Klassen dagegen lagen mit deutlichem Abstand darüber. Ihre hohe Selbstwirksamkeitserwartung kann teilweise auf das günstige Klima zurückgeführt werden. Es wird angenommen, daß Klima und Selbstwirksamkeitserwartung ein "sich selbst stabilisierendes System" bilden. Mehr darüber steht im Kapitel von Lars Satow.
Auch die Lehrer selbst profitieren von ihren Bemühungen. Ihre Selbstwirksamkeitserwartung stieg im Laufe des Modellversuchs an. Vor allem gibt es kaum Anzeichen für das Burnout-Syndrom ("Ausbrennen"), das durch Erschöpfung, Zynismus und Leistungsverlust gekennzeichnet ist und das normalerweise bei Lehrern aufgrund ihres streßreichen Berufsalltags stärker ausgeprägt ist. Selbstwirksamkeitserwartung erweist sich als Schutzfaktor, der die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung von beruflichem Burnout deutlich verringert. Mehr darüber steht in dem Kapitel von Gerda Schmitz.
Über Fortbildungs- und Trainingsmaßnahmen wollen wir an dieser Stelle nicht berichten, um den Umfang nicht zu sprengen. Es sei nur erwähnt, daß ein Lehrertraining entwickelt worden ist, welches nach einigen Revisionen geeignet sein dürfte, auch einer größeren Lehrerschaft das Konzept der Selbstwirksamkeit bekanntzumachen und bei ihr Veränderungen in der beruflichen Selbstregulationskompetenz zu erzielen.
Der hiermit vorgelegte Bericht wurde zum Abschluß der Förderphase notwendig. Damit soll aber nicht der Eindruck erweckt werden, daß alle Ergebnisse hier erschöpfend dargestellt werden. Es gibt zahlreiche Einzelbefunde, die hier nicht genannt werden können, sowie vorläufige Tendenzen, die noch einer gründlichen statistischen Absicherung und Interpretation bedürfen. Es handelt sich somit um einen Werkstattbericht, der den Status Quo der Auswertung charakterisiert. Auch in der editorischen Gestaltung und der äußeren Form dieses Werkstattberichts sind nicht die Ansprüche anzulegen, die man an ein Buch stellen würde. Den Autoren haben wir viel Freiheit gelassen, so daß dieser Band vor allem ihre Handschrift trägt. Wir bedanken uns bei ihnen für ihre wertvolle Arbeit.

Berlin, im Juni 1999
Matthias Jerusalem und Ralf Schwarzer

 

INHALT

Vorwort

Das Erleben eigener Wirksamkeit im Zusammenhang
mit Schulleistungen, Lernfreude und Klassenklima
Matthias Kolbe

Klassenklima- und Selbstwirksamkeitsveränderungen
Lars Satow

Entwicklung von Burnout und Selbstwirksamkeit bei Lehrern
Gerdamarie S. Schmitz

Die Schulen und ihr Kontext
Judith Bäßler

Resümee und Ausblick

Projektveröffentlichungen

Autorenverzeichnis